Posted: April 19th, 2009 | Author: chris | Filed under: text | No Comments »

1
Jene geheiligten Frotteerollen werden enthüllt. Offenen Mundes steht die Masse da und staunt.
2
Emsig hantieren nun Kanzler und Beamte mit komplizierten Titeln auf den Tischen der Herrschaft herum, Packesel aus faltbaren Membranen.
3
Wir sehen, was wir nicht sehen und stellen verzweigte Mutmaßungen an über das, was gar nicht da ist, wir aber sehen.
4
Blinde sind wir mit unsren gläsernen Kleidern, die wir übermütig auf Laufstegen anderen Blinden präsentieren: Blinde, die sehen können ohne zu sehen. Die Fleischmützenkerle befingern jeden verdächtigend ihre runden Lockenkränze.
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Bis wir erkennen von Spiegeln umstellt zu sein, haben die, denen Gnade bei der Geburt gegeben war, unsere Siebensachen schon längst gepackt und fortgeschafft.
Text & Collage (c) 2009, Chris Johnson
Posted: September 9th, 2008 | Author: chris | Filed under: text | No Comments »

1
Es ist eine Kindheit voller Herbstregen, ein Kriechen der Kälte, die Strümpfe kratzen unter den unwillig getragenen Bundfaltenhosen: Gedankenverloren kauen die Knaben den Kitt der Fenster mit der absplitternden Farbe, an denen sie nachmittagelang stehen und hinaus ins Leere starren.
2
Auf eine Bank scheißen Tauben haufenweise magensaftzersetzes Brot, das aus den dürren, zitternden Händen alter Damen, die aus purer Langeweile nicht mehr sterben können: Ihre Zahl ist eine sich wundersam vermehrende.
3
In Schuluniformen gezwängt die erhofften Hüter von Familientraditionen, ihre kleinen Schuhe waten mit ihnen hinaus durch den klebrigen Matsch der Pfützenwege, die zu den Feldern führen und dort, in der Mitte, einfach aufhören und sich auflösen im braunen, zur Fruchtbarkeit verdammten Ackerboden.
4
Gehört haben sie das Geschwätz der Pfaffen schon; im Schutz des Schnaps’ am späten Vormittag und in Schwaden gehüllt vom Rauch billiger Zigarren sagt man ihnen, diese tanzten in der Hölle Walzer. Der kleine Priester, dem kein Alter je zuzuordnen gewesen wäre aber hat einen Klumpfuß, der in gebogenem orthopädischen Schuhwerk steckt: Einmal war es zu sehen, zwei kürbisförmige, menschenlose schwere Leder, denen ein Gewirr von Schnürbändern zu entfliehen wollen schien.
5
Auf Kanzeln verkündet ein sich immer langsamer öffnender, sich immer langsamer schließender Mund die Fäulnis dahinterliegender Zahnhälse, die Kiefer schließlich werden nur noch zusammengehalten von vibrierenden Fäden silbrig-weißen Schleims: Und die Alten in den hölzernen Reihen der Bänke ertragen all das auch, ihre knorrigschmerzenden Fingergestecke ruhen nun für ein paar wenige Stunden von Ställen, Hühnern, Schweinen, Blut und Nachgeburt und Kot.
6
Wohin später als Mann er auch gehen wird, in all die tropenroten Länder mit ihrem Schweiß und dem Kerosingeschmack der Luft, stets wird in ihm sein der Nebel des Herbstes, in dem einst seine Eltern ihn zurückließen, damals, die lössbodenfarbenen Wege, die sich in den Dörfern verlieren, deren Häuser schräg stehen von all den immer wiederkehrenden und unaufhörlichen Mühen, die in der Herrgottsfrühe sich aufrichten hinein in die Dunkelheit, die niemals verraten wird, ob sie dem Tag, ob sie der Nacht entfliehen wollte.
Collage + Text: 2008 © Chris Johnson
Posted: March 25th, 2008 | Author: chris | Filed under: text | No Comments »
in: Deutsch / English / Thai

Posted: December 23rd, 2007 | Author: chris | Filed under: text | No Comments »
Accomplish
We work we
Create we
Build we
Grow into
Nothingness
Schaffen
Wir arbeiten wir
Schaffen wir
Bauen wir
Wachsen ins
Nichts
2007 © Chris Johnson
Posted: December 18th, 2007 | Author: chris | Filed under: text | No Comments »
1
An dieser Tür gibt es keine Klinke.
Hinter dem Tresen breitet sich der dösende Rezeptionistenschatten, ein dunkler Teppich, nach allen Seiten hin aus.
Wie aber steht das Licht?
2
Es sind da:
Seelenräume.
Wir gehen auf Urlaub.
Mürrisch lümmeln sich die Pagenjungen in den Absteigen.
3
Wer zukünftig die Koffer trägt, ist noch nicht ausgemacht
2007 © Chris Johnson
Posted: December 18th, 2007 | Author: chris | Filed under: text | No Comments »

1
Ein helles, hartes Herzgeklopfe an die Türen des Atems.
Mit unseren Blicken jongliert eine endokrine Apparatur.
Ich stecke mir Saugnäpfe an den Hut meiner unterseeischen Finsternis.
2
Vor lauter Glück steigen die Augenbälle in die Himmel, Montgolfièren des Mitgerissenseins.
3
Dem Nu hingegeben erfüllt sich der namenlos kindliche Hintergrund des Universums.
2007 © Chris Johnson
Posted: December 15th, 2007 | Author: chris | Filed under: text | No Comments »

X-Raying Masks
Once I came from the bush, I came from the fields.
From the hardship of life I ran into the cities. Here it is crowdy.
We have more colours, we have more sounds.
We breathe the fuel air every day.
I put on masks like everyone else. I joined the modern dance.
Life is a different thing now.
Jerky we move like proud puppets.
Forgotten which one of my faces is the real.
X-ray machine spits out answers like crazy.
X-Raying Masks (German Version)
Einst kam ich aus dem Wald, ich kam von den Feldern.
Dem harten Leben entlief ich in die Städte. Hier ist es voll.
Wir haben mehr Farben, wir haben mehr Geräusche.
Wir atmen die Benzinluft jeden Tag.
Ich setze mir Masken auf wie jeder andere. Ich tanze mit den modernen Tanz.
Das Leben ist jetzt etwas anderes.
Ruckartig bewegen wir uns wie stolze Marionetten.
Vergessen, welches meiner Gesichter das wahre ist.
Der Röntgenapparat spuckt die Antworten aus wie verrückt.
Initial Text for the 12 Stages Arts Project 2007 (c) by Chris Johnson, Thai transl. Ketsanee Yotha, Logo designed by Chris Johnson & Gunnar Kollin
Posted: October 28th, 2007 | Author: chris | Filed under: text | Comments Off

1
Da ist der kodakfarbene Atem der Photos der siebziger Jahre mit seiner erdigen Mitte. Jenes, das wir sehen, sehen wir schwer und gedämpft, ummantelt von einer nicht sichtbaren Dunkelheit. Erde zerbröselt einem zwischen den tastenden, sich vergewissernden Fingerspitzen. Es wird gefühlt: Ein anderes Leben unter dem wirklichen Leben unter dem abgebildeten Leben: Ein mögliches: Ein sichtbares im Unsichtbaren. Wir wissen nicht wie, wir fühlen bloß: Ein Geheimnis greift in unsren Blick, versenkt seine Wärme in unsere Atemmitte.
2
Das alles ist vorbei. Heute nämlich zerplatzen die Augäpfel vor heliumnackter Abbildung. Hinter allen gestochen scharfen Bildern diese farblose Farbigkeit. Wir sehen in die wirkliche Wirklichkeit: Ihr Gleißen ist schon der Untergang. Im Xenonschein raffen die, die es sich leiten können. Die Glasknochen der modernen Welt werden zerspringen im Nichts eines kristallenen Atems: Nebelhauch vor bonbonfarbener Silhouette, er vergeht, der nicht da war, nie.
3
Ein kleiner Junge schreibt unter der Obhut des Lehrers: Beschwerlich ist der Gang durch eine beschwerliche Welt: Vieles muss man lernen, um alles einst vergessen zu können: Das ist die Mitte.
4
Unsichtbar eine Tür auf dem Bild im Bild – sie bleibt den meisten verschlossen. Uns aber, die wir wissen, dass wir nichts weiter sind, zeigen sich wortlos die öffnenden Räume: Wir haben von der Unendlichkeit gegessen.
© 2007 Chris Johnson
Posted: September 30th, 2007 | Author: chris | Filed under: text | Comments Off

1
Es passiert, dass er auf einmal vor dem Küchenfenster in anderen Gärten steht und bewegungslos in die vor Schreck dahinter zurückweichenden Schatten starrt. Plötzlich kippt er mit dem Köper zur Seite und ist auch schon wieder verschwunden. Nachts rüttelt er an den Klinken fremder Haustüren, er steht mitten auf der Straße unter der einzigen Laterne, es pfeift der Irre aus dem Tal seinem Hund, der schon lange verendet ist.
2
Tags folgt er der alten Mutter, der mit dem karierten Kopftuch, von dessen Spitzen zwei lange Fäden herabhängen, folgt ihrem Witwenbuckel, dem viel zu raschen Gang, der stets den Abstand zwischen ihnen vergrößert, folgt ihr durchs ganze Dorf, er folgt bergan diese eine fachwerkhausumkastete Straße entlang, deren Rinnsteine vollgesetzt sind mit Mist und Dung und großen Klumpen klebriger Erde. Er zieht einen Einkaufswagen hinter sich her, aus dem beständig Weißkohlblätter fallen.
3
Die Gnade des fröhlichen Wahnsinns, das ist die Chimäre, wie sie schlagartig vom Himmel fährt: Das Vergessen des Erinnerns, oder: Außen ist nirgends. Innen ist nirgendwo. Alles ist Gegenwart, erschreckend plötzlich und nah.
4
Und er läuft in Arbeitsjacke und Cordhose über die verwachsenen Wiesen am Tal. In der Faust, die am schlaff herabhängenden Arm baumelt, hält er eine lange Axt; sie schleift auf dem Boden.
5
Er weiß, aus den Fenstern sehen ihn die Hausfrauen, die mit den Nylonstrümpfen. Sie sehen, wie er Äste sammelt und aufhebt, ein Stück weit herumträgt, das Bündel wieder fallenläßt. Dann geht er mit heruntergelassener Hose zwei Schritte an einen Busch in die Hocke.
6
Wie schwer ist es in einem Traum zu gehen und voranzukommen: Wir rennen ständig auf der Stelle. Der Boden zieht uns immer wieder rückwärts ins Nüchterne.
7
Sein Arsch leuchtet wie ein Anämiemond im Kraut: Über die Schulter wirft er seine ängstlichen Hundeblicke, als müsse man ihn bis an die Waldränder hören.
1998 © Chris Johnson
Posted: September 30th, 2007 | Author: chris | Filed under: text | Comments Off

(For Kaen, who teaches me silence)
I
Words
Words
Meaning shifts like
Light to red the
Expansion of
Eternity
II
Nothing
Nothing
Words shift like
Meaning to light the
Expansion of
Red
III
Even
Less
Sounds shift like
Fog to nothingness the
Expansion of
Silence
2007 © Chris Johnson
Posted: September 30th, 2007 | Author: chris | Filed under: text | Comments Off

Spiegelungen
I
Inmitten oranger Rippen wir, die Toten. Füllen müssen wir die Körbe der Zeit nicht mehr. Wir sitzen hier und spielen Karten. Die Zwänge der Mühen betreffen uns nicht weiter.
II
Das andere Ufer, wissen wir, ist eine Spiegelung des unsren. Wir lachen, Schatten unter den Schatten der Menschen. Noch eilen sie, offnen Auges, und sehen das Geheimnis nicht. In unsren Mündern steht schmackhaft der leichte Wind der Zeit.
*
Reflexions
I
Amidst orange ribs are we, the dead. We don’t have to fill the baskets of time anymore. Here we are sitting, playing cards. The constraint of effort no longer affects us.
II
The other waterside, we know, is a reflexion of ours. Laughing we are shadows under the shadows of the people. Still they are running with open eyes, not seeing the miracle. In our mouths the tasty light breeze of time.
2007 © Text: Chris Johnson, Photo: Ketsanee Yotha
Posted: September 30th, 2007 | Author: chris | Filed under: text | Comments Off

1
Das Erinnern ist ein Gang ins Innre, kein Zurück.
2
Die Traumtänzerinnen mit den verstaubten Ballettröckchen, den löchrigen Schuhen. Dahinter das verstimmte Pianola und die knittergesichtige achtzigjährige Lehrmeisterin, die aus dem zaristischen Rußland stammt, wie alle. Sie verachtet die Zeit und lebt in einer Welt bunter Erinnerungsschnappschüsse. Zittrig trägt sie immer wieder und verbissen Lippenstiftrot auf und erwartet abends, obwohl sie es sich nicht leisten kann, mit dem Taxi nach Hause gebracht zu werden.
3
Das Wort: Damals: Eine Puderwolke staubt inmitten nicht gänzlich vergessener Bilderfetzen, es ist eine Grammphonplatte aus Schellack, sie springt stets an derselben Stelle in immer dieselbe Wiederholung.
4
Die Bohlen des Gymnastiksaals knarren schwer unter den verwesten Schenkeln längst verstorbener Varieté-Tänzerinnen. Der Pianist mit dem Lungenkrebs, der das Kunstspielklavier einmal die Woche wartete, liegt schon seit einer Ewigkeit auf dem städtischen Friedhof. Man kann sich seines Namens, seines Gesichtes nicht besinnen. Die Spiegel sind erblindet, und auf den Fenstersimsen brüten Trauben von Tauben. Sie vermehren sich wütend, es wächst der Kot weiß und steinern vom Boden empor.
5
Ein krautwuchernder Garten vor dem Gründerzeithaus. Wilder Bewuchs läßt ihn kleiner erscheinen. Früher hielt sie hier Parties, ihre rotlackierten Nägel, die Krallen einer Pantherin, die sich die Männer der Gesellschaft, lange blutende Spuren der Lust kratzend, auf ihre Rücken sehnten. Cocktailgläser, Kirschen im Martini, ihr pralles Hinterteil, ein Bein versetzt auf der Treppenstufe unter der des anderen.
6
Heute bleiben die Schüler wieder aus, ihr Kopfwackeln kann sie nicht mehr kontrollieren. Kettenrauchend spürt sie die tatsächliche Leere um sich herum nicht, für sie glänzen die Pailletten wie eh, es leuchten die Lichterketten, ein heiseres Lachen steht in der brotwarmen, trockenen Spätsommerluft.
2007 © Chris Johnson
Posted: September 30th, 2007 | Author: chris | Filed under: text | Comments Off

1
Alles darf gesagt werden, nur das eine nicht.
2
Erinnern ist ein Hut im Regenwetter, der nicht richtig sitzt. Der Hut ist ein besonderer Versuch der Sprache: Mit Billardblicken berechnen wir die Einfallswinkel der Genugtuung.
3
Die Sprache ist eigentlich ein seegrasgesfilterter Schnupfen. Eigentlich: Das heißt, nicht jetzt. Nicht eben, nicht gleich. Eigentlich grast die Sprache in unterseeischen Ohren. Es wächst in ihnen und wird mehr, als es war.
4
Nun stellen Hände, die selten die unseren sind, gestielte Floskeln in Vasenbäuche: Mit schiefgelegtem Kopf eine Schattenahnung der Erwartung des Schöneren. Auf Knien befeuerten wir die tuffsteinernen Öfen des Hinterlands. Die Zeiger der Tage ziehen spitz und unbarmherzig ihre Kreise: Schnell im Glück, sie dehnen das Leid.
5
An Nachmittagen fegen wir in den Hallen stillgelegter Stahlwerke. Auf Uhren blickend stets die Statiker des Verstands: Der denkt an ihren Feierabend. Und überall ist Dienstschlussmotivation: Ein Eilen hin zu den Bordellen des gesunden Menschenverstandes. Unentwegt im TV die Münder magersüchtiger Blondinen: Sie öffnen sich und können dem weißen Rauschen nichts entgegensetzen.
6
Selten die Fragen hinter Wänden, herabgelassen an gläsernen Schnüren: Wie kam das Seegras vom Meeresboden hierher? Wie aber kommen wir, sprechend, auf Meeresböden? Ist hier Meer? Ist dort Land? Gewiss ist: Unter Wasser ist Sprache gefiltert. Unter Wasser ist Sprache ein Zusammenlegen von Fingern. In seeischen Fernen: Hörte man je die Wale dort schreien?
7
Und wieder gehen wir vorbei, Tag für Tag. Die tote Vasenzierde des Mädchenauges bleibt offnen Blicks verschlossen. Bald stinken ganze Meere vergessener Blumenwasser. Wenn wir gestorben sind, bereiten wir anderen Sorge: Wir verlängern das Sterben nach dem Sterben. Der Tribut ist gezollt, versenkte Kupferpfennige in geerbten Behältnissen. Was gesagt werden muss, darf nicht gesagt werden.
8
Und so ist das Jetzt, das wir hinnehmend glauben: Angespült an Strände, wo sie nicht hingehören, blähen Gase die verwesenden Leiber. Man rückt an mit Planierraupen, verschiedenen schweren Gerätschaften, gelb gestrichen. Gummistiefel drücken Gaspedale. Es sind Geräusche des Willens, die die glühend heißen Auspuffrohre erzittern lassen. Im Krach der Anstrengung hören wir auch keine Sprache: Es ist ein Zusammenlegen von Lippen.
9
Die Vorgärten haben sich nach dem letzten Mähen wieder ihre geforderten Uniformen angetan. Es neigen hölzern sich die Zäune vor Wegen, die stets ins Gleiche führen. Alles so wie uns geheißen: Vergessen ist das Vergessen.
10
Vorzeitig verwittern Erinnerungsreste die gelben Gesichter. Alles darf gesagt werden, nur das eine nicht. Gelb ist eine vortreffliche Sinnestäuschung.
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Woher kommt die atomare Unruhe des Zwerchfells?
2007 © Chris Johnson
Posted: September 30th, 2007 | Author: chris | Filed under: text | Comments Off

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Meine Erinnerungen sind Gesichte. Ich weiß, dass nichts so war wie es gewesen zu sein schien. Briefe aus Vergissmeinnicht, die ich, ungeöffnet, irgendwo verlegt habe.
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Eine Armee asiatischer Postboten besteigt die Fahrräder. Es steht zu befürchten, von den Kettenreaktionen klappernder Briefkastendeckel erschlagen zu werden. Das Vergangne wird einem erbarmungslos nachgetragen, auf den Umschlägen verrutscht die Tinte der Stempel: Datum und Ort: Die Beweise sind gerichtsverwertbar. Diese Erde ist zu klein, um sich noch zu verbergen.
3
Die Dateien auf meinem Computer haben ihr Eigenleben begonnen. Ich kann, ihre Ordnung nicht länger verstehend, den sich verzweigenden Algorithmen nicht mehr folgen. Die Drucker spucken aus: Formulare, von derem gewissenhaften Ausfüllen Leib und Leben abhängig sind. Ohne digitale Identifikation endet die Gültigkeit aller Berechtigungen, die uns zugesprochen wurden. Die Halbwertzeit der Verfallsdaten schrumpft mit zunehmender Schnelligkeit. Mich abwendend vertraue ich aber den Geheimnissen meines Lebens.
4
Wenn ich Erinnerung höre, denke ich an Zukünftiges. Eine unbestimmte Angst, die nach uringetränkten Teppichen riecht, die man nicht mehr wahrzunehmen imstande ist. Die Kinder kommen am Sonntag und reden auf einen ein, man solle die Wohnung aufgeben. Plötzlich sind da fremde Menschen und man sucht vergeblich nach dem Bücherregal. Einen Stift werde ich retten, ein Notizbuch. Ich werde versuchen zu fliehen, eine ausgebeulte Schlafanzughose, ein brauner Bademantel, und komme doch nur bis zur nächsten Parkbank.
5
Viel zu schnell ist es für alles zu spät. Ich werde es mir nie eingestehen, nie.
2007 © Chris Johnson
Posted: September 29th, 2007 | Author: chris | Filed under: text | Tags: text | Comments Off

1
Die Gewohnheit verströmt einen Geruch nach Kaffee als Unterpfand. Wir sitzen fest auf Stühlen und wähnen uns sicher. Wir essen Kuchen und sagen: Bitte ein Viertelpfund von diesem oder jenem. Andere Hände teilen ein: Sie wiegen, sie falten, sie unterzeichnen, sie fassen Stempel.
2
Die Gewohnheit hat ein falsches Wort. Es ist ein Nichtsehen aus der Wiederholung. Bei geschlossenem Auge finden wir uns zurecht. Wir wissen die Zimmer und die Teppiche, die die Schritte dämpfen. Uns meinen wir. Wir kommen nicht vor. Wir sind die, die hinter den Wiederholungen verschwinden.
3
Dessen ungeachtet sagen wir: Ja, nein, übermorgen. Auch in irriger Annahme dies: Ich bin 47 Jahre alt, oder: Mein schwarzes Haar. Mit Sorgfalt verriegeln wir die Haustüren. Sanft eingeklemmt in Anzügen verrutschen wir zu einem Ablauf aus: Gestern, Morgen – eben, gleich, später. Das Jetzt schafft es kaum ins Jetzt, es ist immer schon vorbei.
4
Auch denken wir gerne, dass wir sagten: Ich liebe dich. Das heißt: Wir ersehnen Zwischengelegenes, dessen Anblick wir nicht wirklich ertragen.
5
Uns fällt nicht sehr viel auf. Uns fallen die Worte als Worte nicht weiter auf. Auch fallen die Wörter uns als Wörter nicht weiter auf. Wir sagen die Worte: Nicht anwesend.
6
Jetzt lauschen wir dem Klang der Silben. Wir wiederholen die Folgen. Aus der Stille hinter dem Wort kommt es dann anders. Es ist dies ein Aufhören von abwesenden Geräuschen.
7
Die Regieanweisung ist vergessen. Wir erwarteten: Bekanntes. Die Worte liegen uns wie Bauklötze im Mund. Die Sprache, so gesprochen, geht jetzt einen anderen Weg. Die Sprache, so gesprochen, geht in das Hören. Die Sprache ist, so gesprochen, eine andere Musik unter der Sprache. Aus dem Schweigen kommt: Eine Pause des Schweigens.
8
Wenn das Schweigen schweigt ist aber eine andere Sprache. Ein Zählbares, das aus sich selbst erwächst. Soundsoviele Sandkörner aber sind nicht Sand. Soundsoviel Welt aber ist nicht die Welt. Wir trauen dem plötzlichen Eigenleben nicht. Was wir erwarten: Ein kleiner Stuhl, den wir bestiegen. Von hier aus sähen wir mehr. Unser Erwarten wird enttäuscht: Die Modulationen der Gefälligkeit bleiben aus.
9
Vielleicht verdient man 8,50 die Stunde: Das ist einfach. Es bleibt uns keine Zeit. Das macht einen nur verrückt. Das Einfache aber wiegt schwer. Es ist einfach, das schwere Einfache einfach verrückt zu heißen. Man putzt lieber Staub, man wählt auch das bessere Bohnerwachs. Die Kragen der Kinder sind gebügelt und gestärkt. Die Köpfe, hofft man, können nicht verrutschen.
10
Wir hören nicht mehr, wir winken bloß ab. Wir verdauen die Wurst, das Urteil, die Sprache, die Liebe. Die Betten sind gemacht. Bereit für alle einfachen Verrichtungen: Schlafen, Zeugen, Sterben.
2007 © Chris Johnson